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Kontrolliertes
Trinken - Die
Rolle der Selbsthilfegruppen |
Autor :
Heinz-Josef Janßen, Bundesgeschäftsführer des
Kreuzbund e. V.,
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Aus der Sicht eines abstinenzorientierten
Sucht-Selbsthilfeverbandes und als Lobbyist für Alkoholkranke und deren
Angehörige, die sich bemühen, mit Hilfe der Gruppe einen mühevollen häufig
sehr quälenden Weg aus Sucht und Abhängigkeit zu verlassen und sich ein neues
Leben nur abstinent vorstellen können, möchte ich Folgendes anmerken:
- Die abstinenzorientierte Sucht- und Entwöhnungsbehandlung wie auch die
abstinenzorientierte Selbsthilfe in Deutschland arbeiten
nachgewiesenermaßen effektiv und gehören auch im internationalen Vergleich
zu den erfolgreichsten Angeboten. Das Modell unserer Sucht-Selbsthilfe wird
in vielen europäischen Nachbarländern, z. B. in Skandinavien, als
nachahmenswert beneidet. Selbstverständlich sind auch hier
Weiterentwicklungen notwendig. Unverständlich ist allerdings, dass von
Insidern und Außenstehenden immer wieder der Eindruck erweckt wird, die
abstinenzorientierte Sucht-Selbsthilfe sei zu wenig erfolgreich bzw.
erreiche ob ihrer "hohen Hürde" (resp. des
"Abstinenzdogmas") zu wenige Suchtkranke. In Deutschland werden
jährlich in über 6.000 Gruppen der fünf Selbsthilfe- und
Abstinenzverbände (...), der AA, des DRK und der AWO weit mehr als 100.000
Menschen erreicht - mit einer nachgewiesenen Erfolgsquote von 70 - 80 % auch
noch nach mehreren Jahren - bei regelmäßiger Teilnahme und Mitarbeit in
einer Selbsthilfegruppe.
Renten- und Krankenversicherungsträger zollen immerhin
diesem Erfolg einerseits dadurch Respekt, indem sie die finanzielle
Unterstützung unserer Arbeit in den vergangenen Jahren eher aufgestockt als
reduziert haben - und dies trotz allerorten gekürzter oder gedeckelter
Mittel. - Andererseits wird vielerorts eine Kostenzusage an die Bereitschaft
des Betroffenen, nach Abschluss einer Therapie eine Selbsthilfegruppe zu
besuchen, geknüpft. Wie irrig wäre eine solche Auflage, wenn der Geldgeber
nicht von der Notwendigkeit und dem Nutzen einer Selbsthilfegruppe für die
nachfolgende Abstinenzsicherung überzeugt wäre?
Allein diese wenigen Schlaglichter möchten wir als ersten
Beweis dafür verstanden wissen, dass wir mit Stolz auch weiterhin unseren
Ansatz der Abstinenzorientierung vertreten werden.
- Ein weiterer Vorwurf - nicht zuletzt vom Urheber des AkT selbst erhoben -
bezieht sich auf die "Unwissenschaftlichkeit" unseres
zugrundegelegten Suchtverständnisses. Die Anerkennung von Alkoholismus als
behandlungsbedürftiger und -würdiger Erkrankung durch WHO und BSG 1968
haben wesentlich dazu beigetragen, den Alkoholkranken und seine Angehörigen
aus der Sphäre von Selbstverschulden und moralischer Labilität
herauszuholen und ihnen Achtung und Selbstbewusstsein zu vermitteln. Die
Menschen in unseren Verbänden, die es "geschafft" haben,
schöpfen auch heute noch Mut aus diesem Paradigmenwechsel, und dies trotz
immer noch geäußerter Vorwürfe und Vorurteile, sie seien "ja doch
selbst Schuld dran, abhängig geworden zu sein bzw. nicht mehr aufhören zu
können". - Letztlich sind diese Menschen es, die in unseren Verbänden
sich vehement gegen jede Form von Suggestion wehren, die da verkürzt lauten
könnte: "Nur wer will, der kann..." - Sie sehen die Gefahr,
Menschen, die eben nicht oder nicht mehr kontrolliert trinken könnten, als
schlichtweg willensschwach, haltlos oder unfähig zu etikettieren.
- Auch ich persönlich empfinde es als bemerkenswert, ja sogar ein wenig
suspekt, wie massiv emotional der Begründer des AkT Prof. Körkel auf
kritische Äußerungen und Anmerkungen seitens der
Sucht-Selbsthilfeverbände reagiert hat: Es scheint, als wären "wunde
Punkte" angesprochen worden, v. a. hinsichtlich der u. E. nicht klar
genug definierten Zielgruppe des AkT, die wir als Gefahr für
Abhängigkeitskranke und größte Schwachstelle des Programms deklarieren:
Um es klar zu sagen: Offenbar sind die Strukturen,
Arbeitsformen und Angebote der Selbsthilfe- und Abstinenzverbände nicht
bekannt. Unsere Hilfeangebote sind nicht allein auf unsere
Verbandsmitglieder focussiert, die sich im übrigen aus eigener, freier
Entscheidung und Einsicht zur Mitgliedschaft in einem unserer Verbände und
damit auch zur Alkoholabstinenz entschließen. Vielmehr stehen unsere
Gruppen allen Menschen offen, die Hilfe zur Überwindung ihres Problems
suchen, gerade und zuerst auch denjenigen, die (noch) nicht überzeugt sind,
alkoholkrank zu sein. Dabei bestimmen selbstverständlich die Betroffenen
selbst ihre Ziele und Veränderungswünsche. Abstinenz ist bei all dem in
keinem Verband - auch nicht im Kreuzbund - Voraussetzung für den
Gruppenbesuch, wird jedoch im Laufe der Auseinandersetzung mit der
Problematik von den meisten Betroffenen (und sogar von vielen Angehörigen)
als klare, eindeutige und wirkungsvollste Orientierung gesucht und gewählt.
Aus fachlicher Sicht stellen von der Abstinenz
abweichende Wünsche des Betroffenen oder sogar die Unfähigkeit zur
Abstinenz keine ausreichenden Gründe dar, das Erreichen der Abstinenz
grundsätzlich aufzugeben oder als "die beste Lösung" zu
verwerfen. Es scheint uns deshalb in keiner Weise gerechtfertigt,
kontrolliertes Trinken als quasi gleichberechtigtes Therapieziel zu
etablieren.
Es ist sicher richtig und wird auch von uns unterstützt,
noch stärker als bisher neue Angebote differenziert auf Patienten und deren
Störungsbild zuzuschneiden. Dies bedeutet (... und wir tragen durch
spezifische Aus- und Weiterbildungsmaßnahmen für ehrenamtliche
Helfer/innen in unseren Gruppen dazu bei), dass die in den letzten beiden
Jahrzehnten begonnene Individualisierung und Differenzierung der
Behandlungsangebote konsequent weitergeführt werden muss.
In keiner Weise erscheint es uns sinnvoll, wie
vorgeschlagen, bestehende diagnostische Unterschiede aufzuheben und z. B.
nicht mehr zwischen schädlichem Gebrauch (früher: Missbrauch) und
Abhängigkeit zu unterscheiden. Das Gegenteil ist erforderlich: Gerade in
der Therapiediskussion bedarf es eher noch weiterer Unterscheidungen, um die
heterogene Gruppe der Menschen mit Alkoholproblemen adäquat beschreiben und
das richtige Behandlungs- und Selbsthilfeziel für den Einzelnen
identifizieren zu können.
Eine Verwischung und Nivellierung muss sich eher negativ
auswirken, zur starken Verunsicherung der Hilfesuchenden beitragen und sich
letztlich eher suchtverstärkend zeigen.
Es wird immer wieder betont, das Erlernen eines
kontrollierten Umgangs mit Alkohol sei für Menschen angezeigt, die noch
nicht abhängig sind, deren Trinkverhalten aber offensichtlich auf Grund der
sich einstellenden Schädigungen reguliert werden muss. Hier ist - auch aus
oben genannten Gründen - Vorsicht geboten, da sich in dieser Gruppe der (Noch-)Nicht-Abhängigen
immer auch solche Menschen befinden, die sich auf die Abhängigkeit hin
bewegen und der Verzicht auf Alkohol auch hier die wirkungsvollste
Prävention vor der Entstehung der Abhängigkeit ist.
- Für die Menschen, die abstinent geworden sind und abstinent bleiben
wollen, hat die Entscheidung zur Abstinenz einen hohen Wert in ihrem Leben:
Sie ist nicht mehr Last (i. S. von "Ich darf nicht mehr
trinken..."), auch nicht mehr Ziel (i. S. von "Ich muss daran hart
arbeiten und Situationen meiden, um nicht mehr rückfällig zu
werden..."), sondern Mittel zur Erreichung und Aufrechterhaltung von
körperlicher und seelischer Gesundheit, von Lebensfreude und Zufriedenheit
(i. S. von "Ich brauche nicht mehr zu trinken... - Ich bin
frei...").
- Polemik hilft in keiner Weise weiter. In ihren Stellungnahmen und
Erwiderungen - und auch in diesem Statement - hat die Sucht-Selbsthilfe
mehrfach versucht, sich sachlich mit den Inhalten und Schwachpunkten - wenn
auch kritisch - auseinander zusetzen. Erfahrungswissen - häufig mehr als
100 Jahre lang - mit der Bemerkung abzubügeln, dies sei kein Beweis für
die Richtigkeit der Kritik, eher ein Zeichen von Dogmatismus und fehlenden
Argumenten, kann so nicht unerwidert bleiben: Millionen von Menschen haben
mit der Abstinenz und mit Hilfe der Selbsthilfegruppe die Voraussetzung
geschaffen, eine schwere chronische Erkrankung mit häufig tödlichem
Ausgang zu stoppen. Gerade auch unter dem Aspekt moderner
psychotherapeutischer Ansätze ist Abstinenz als Therapieziel mehr denn je
hoch attraktiv:
 | Das Nichttrinken von Alkohol ist eine klar definierte und verhaltensnahe
Zielvorgabe.
|
 | Für den Betroffenen und auch für andere im Lebensumfeld ist die
Einhaltung der Abstinenz jederzeit überprüfbar und nachvollziehbar.
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 | Gelingt es, die Abstinenz zu praktizieren, geht dies mit dauerhaftem
Erleben von Selbstwirksamkeit und Selbstkontrolle einher.
|
- Ich komme zum Abschluss und möchte nochmals auf die oben bereits
erwähnte "Suggestionsgefahr" (vgl. 2.) eingehen und an den
Schluss meines Statements eher Fragen als Antworten stellen. Die
nachfolgenden Diskussionen und Gespräche bieten ja möglicherweise
Gelegenheit, gemeinsam nach Antworten zu suchen:
Es ist in der Tat auch eine ethische Frage, ob durch
die Diskussion um kontrolliertes Trinken nicht suggeriert wird,
Alkoholkonsum sei unverzichtbar und wertvoll, Abstinenz dagegen eine
weltfremdes Dogma, wenig erstrebenswert und von kaum jemandem geschätzt.
Warum eigentlich diese Art der Diskussion?
Sicherlich gibt es viele Menschen - und dies ist die
größte Gruppe der Alkoholkonsumenten, die Alkohol in unbedenklicher Form
genießen können. Dies bleibt auch unbenommen. Gerade neuere Zahlen
belegen aber auch, wie groß der Anteil der Personen ist, die - ohne
abhängig zu sein - Alkohol in riskanter und schädlicher Form
konsumieren. Die damit verbundenen Kosten sind enorm. Daher scheint eine
kritischere Haltung dem Alkoholkonsum gegenüber angemessen, und umgekehrt
verdient Alkoholabstinenz eine positive gesellschaftliche Bewertung.
Besteht nicht die Gefahr, dass der Versuch des
kontrollierten Trinkens bedeutet, Alkohol eben doch als ständigen
Begleiter zu betrachten und damit nie eine gesunde Distanz zur aktuellen
Symptomatik der Abhängigkeit erzielen zu können - sozusagen die
halbvolle Flasche fortwährend auf dem Tisch stehen zu lassen?
Entspricht es nicht einer allgemeinen Lebenserfahrung,
dass es in schwierigen Situationen leichter ist, klare Grenzen zu ziehen
und eindeutige Entscheidungen zu treffen, um nicht in jeder Situation neu
entscheiden zu müssen? Oder entspricht der Wunsch nach kontrolliertem
Trinken nicht gerade dem unerfüllbaren Wunsch, alles haben zu wollen und
nichts aufgeben zu müssen?
Hamm, im Mai 2001

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