|
Aus dem Tagebuch eines
führerscheinlosen Autobesitzers
|
| Der Bericht
erschien im Februar 2002 in der Rheinischen Post |
Mal getrunken, schon erwischt |
|

Sie lesen Auszüge aus dem Tagebuch von Heinz-Günther Klose.
Heinz Günther ist 43 Jahre alt und arbeitet seit seiner
Ausbildung als Schmelzer bei Thyssen. Er ist seit 15 Jahren
mit Helga verheiratet und hat keine Kinder. Seinen
Führerschein hat er mit 20 Jahren bei der Bundeswehr gemacht.
|
Gestern hatte der Karl, ein guter
Arbeitskollege Geburtstag. Bei dem geht es immer hoch her, das
hätte ich wissen müssen. Immer schenkt er nach und darum ist
er schuld. So gegen 10.00Uhr bin ich dann abgehauen und
losgefahren. Nach ca. 200m kam die Kelle und ich musste pusten
2.00%o. Dann musste ich mein Auto abschließen und mit auf die
Wache fahren. Dann auf den Arzt warten ca. ½ Stunde saß ich
da wie ein armer Sünder und sollte so komische Sachen machen
wie auf`m Strich gehen und die Finger auf die Nasenspitze
fassen wir sind doch nicht im Kindergarten! Na ja jetzt ist
der Lappen weg. Der Helga habe ich noch nichts erzählt und
ich kann jetzt schon ihre Worte hören wie Hab ich dir gleich
gesagt – irgendwann musste das ja passieren wie soll es jetzt
weitergehen –du wirst jetzt bestimmt Arbeitslos. Bla Bla Bla
. Ich weiß auch gar nicht, wie ausgerechnet mir das passieren
konnte. Ich bin noch nie betrunken gefahren außerdem habe ich
doch nur ein paar Bier getrunken ich kenn meine Grenzen. Da muss
mich doch einer verpfiffen haben . Da wo die mich angehalten haben standen noch nie die Bullen außerdem hab ich
den Führerschein 23 Jahre – Unfallfrei! Jetzt hab ich
einmal n bisschen was getrunken und schon haben die mich
erwischt. Wenn es danach geht dürfte keiner mehr den
Führerschein haben die fahren doch alle betrunken. - Gleich
steht die Helga auf und wir wollten heute Mittag zu Tante
Martha zum Kaffee fahren die fragt dann wo das Auto ist
außerdem habe ich morgen Frühschicht und Helga muss fahren
ich muss ihr das irgendwie beibringen. |
|
|
Erst hat Helga geguckt – und dann
geheult |
| Ich
habe mit Helga gesprochen. Die hat mich angeguckt, nichts
gesagt und fing an zu heulen. So kenn ich die gar nicht.
Sie hat den ganzen Tag nicht mit mir gesprochen und ich
habe mich geschämt. Am Abend habe ich ihr dann noch mal gesagt
dass sie mich zur Frühschicht fahren muss da hat
sie mich in den Arm genommen und mir gesagt dass wir das
schon irgendwie durchstehen und ich musste ihr versprechen
weniger zu trinken – aber ich trinke gar nicht viel und
mein Feierabendbier lasse ich mir nicht nehmen aber die
war erstmal still.
Helga hat mich zur Frühschicht gefahren
und der Egon hat uns gesehen. Zum dubbeln im Pausenraum
haben mich alle komisch angegrinst und dann kamen die
Sprüche na ist die Helga ausm Bett gefallen oder muss die
auf dich aufpassen oder kannst du nicht mehr fahren –
ich habe nichts gesagt weil das geht keinem was an aber
ich muss in Zukunft aufpassen.
Gestern hat der Vorarbeiter gefragt ob
ich 2 Std. länger mache ich konnte nicht nein sagen und
Helga war schon unterwegs als ich sie anrufen wollte sie
hat gewartet und sich Sorgen gemacht . Dann hatten wir
einen richtigen Streit und sie hat mir gesagt das ihr das
alles auf die Nerven geht. Ihr ganzer Tagesablauf wird von
meinen Schichten bestimmt und sie könne sich nicht mit
ihren Freundinnen verabreden oder muss früher gehen weil
sie mich abholen muss. Morgen kaufe ich mir ein Fahrrad
dann bin ich unabhängig und muss mir die Vorwürfe nicht
mehr anhören. Obwohl ich bestimmt ne Stunde brauche –
eine hin und eine zurück. |
Mit Flachmann Ärger wegspülen |
| Jetzt reich es. Heute
wollte ich in den Getränkemarkt ne Kiste Bier holen. Helga meinte
ich kann ja auch mit dem Fahrrad fahren. Sie hätte keine Lust mich
in meiner Trinkerei zu unterstützen und Schwierigkeiten hätten wir
dadurch ja genug. Da bin ich stinkesauer losgezogen und hab mir auch
noch n Flachmann dazugeholt. Ich weiß gar nicht was die hat gegen
2-3 Flaschen Bier ist ja wirklich nichts einzuwenden hab ich immer
getrunken und ich werde deswegen auch keine kleine Brötchen backen.
Und mit dem Flachmann hab ich den ganzen Ärger runtergespült. Ich
glaub die Helga hat nichts gemerkt ist mir auch egal!
10 Monate sind jetzt um und im Urteil stand, dass ich 2 Monate nach Ablauf der Sperrfrist den Führerschein beantragen
kann . Endlich kann ich was tun und die restlichen 2 Monate ohne
Führerschein bekomme ich auch schon um. Aber dann kann ich endlich
wieder fahren, kann länger schlafen muss nicht mehr bitte bitte
machen und bin frei. Aber eins habe ich mir wirklich vorgenommen ich
werde nie wieder Autofahren wenn ich was getrunken habe. Das war mir
wirklich eine Lehre!
|
|
Zum
Idiotentest – so ein Qutasch
|
| Ich habe Bescheid vom
Straßenverkehrsamt bekommen. Ich habe gedacht das wäre der
Führerschein und habe mich gefreut aber dann habe ich gelesen, dass
ich eine Medizinisch Psychologische Untersuchung machen muss! Ich
habe mich umgehört und mitbekommen dass das der Idiotentest ist.
Idiotentest - denen werde ich schon zeigen wer der Idiot ist! Ich
will endlich meinen Führerschein denn meine Strafe habe ich
wirklich abgesessen.
Gestern war ich beim TÜV zum Idiotentest. Ich wusste
eigentlich gar nicht was die von mir wollten. Erst war ich
beim Arzt, der war ganz in Ordnung. Er hat mich untersucht, Blut
abgenommen und ein paar Fragen gestellt wie viel Bier und so weiter.
Aber die Psychologin die sollte selbst mal zum Psychologen gehen.
Die wollte alles genau wissen. Die hat immer wieder die Frage
gestellt wie viel haben sie getrunken – als ob ich jedes Bier
gezählt hätte. Warum haben sie soviel getrunken? Weil's geschmeckt
hat. Und immer wieder warum? Wie ein kleines Kind. Und dann sagte
die noch ich hätte da wohl ein Alkoholproblem – Ich und
Alkoholiker nur weil ich ab und zu mal n Bier trinke. Die spinnt!
Und dann sagte die noch sie will mich auf die Schiene bringen, also
das war der Gipfel, auf die Schiene- ich bin doch nicht bei der
Bundesbahn! Als die gute Frau mir sagte dass ich wohl negativ
begutachtet wurde und ich erst in einem ½ Jahr wiederkommen
könnte, bin ich ausgeflippt. Noch ein ½ Jahr ohne Führerschein.
Wie sage ich das der Helga. Ich habe mich ein bisschen beruhigt und
gefragt was ich denn für ein positives Gutachten tun kann. Die Frau
erzählte mir, dass es Maßnahmen gibt an denen ich teilnehmen
könnte. |
|
"Was habe ich da schon für Geld
ausgegeben"
|
| Ich habe der Helga gesagt
sie soll sich mal umhören wo es solche "Maßnahmen" gibt.
Sie hat in der Zeitung vom Suchthilfezentrum Nikolausburg in
Duisburg Ruhrort gelesen und mir die Telefonnummer rausgesucht. Ich
hab dort angerufen und auch schnell einen Termin mit Herrn
Volkenborn bekommen. Ruhrort ist praktisch nur übern Rhein und ich
bin da.
Ich war bei dem Informationsgespräch. Der
Volkenborn hat mir erzählt dass die Maßnahme ½ Jahr dauert und
1000 Euro kostet. Mein Gott was habe ich da schon für Geld
ausgegeben Strafe, Rechtsanwalt, Verwaltungsgebühren, Test und
nicht zu vergessen die Zeit. Aber da muss ich jetzt durch. Außerdem
sagt er, dass er keinen MPU Drill macht sondern sich tatsächlich um
die Aufarbeitung von Alkoholproblemen und deren Hintergründen
bemüht.
Jetzt fängt der auch noch an und will mich auf
die Schiene setzen. Kann er ja mal versuchen. Ich muss jede Woche
einmal für 2 Stunden in die Nikolausburg und zwischendurch auch mal
ein Einzelgespräch führen. Na die Zeit bekomme ich auch um – muss ich ja auch.
Heute hatte ich den ersten Seminarabend. War schon
ein komisches Gefühl mit den ganzen fremden Leuten in einem Raum
sitzen und von sich zu erzählen. Aber ich habe auch gemerkt, dass die anderen die gleichen Probleme haben wie ich und jeder hat so
seine Geschichte erzählt. War auch irgendwie erleichternd. Dann hat
der Volkenborn erzählt dass im letzten Jahr 1114 Menschen im
Straßenverkehr durch Alkohol umgekommen sind. Wenn ich mir
vorstelle ich hätte einen Unfall gehabt oder gar ein Kind
totgefahren ich glaub ich wäre meines Lebens nicht mehr froh
geworden. Wenn man sich das vorstellt 1114 Familien und dann noch
die Verursacher und deren Familien wie viele Menschen davon
betroffen sind und die vielen Verletzten die vielleicht auch
behindert sind durch den Unfall. Ich darf gar nicht daran denken.
Ich habe da noch mal Glück gehabt.
|
|
"Mein Bier gehört immer dazu" |
| Gleich werde ich mit Helga
sprechen, ein halbes Jahr ist jetzt um und nächste Woche habe ich
einen neuen Termin beim TÜV. Ich bin ein wenig nervös aber ich bin
auch sicher, dass ich den neuen Test bestehen werde. Ich hätte nie
gedacht, dass ich mich so verändern werde. "Abstinenz wird von
ihnen erwartet," hat der Volkenborn gesagt "völliger
Verzicht auf Alkohol." Das hätte ich mir nicht vorstellen
können. Mein Bier gehörte immer dazu. War für mich, wie in
Bayern, ein Nahrungsmittel und darauf zu verzichten ist mir echt
schwer gefallen. Nach und nach sind bei mir die Veränderungen
eingetreten, hab ich selbst kaum gemerkt. Aber Helga meinte dass wir
seit wir verheiratet sind nicht soviel gesprochen haben wie in dem
letzten halben Jahr. Stimmt auch! Früher bin ich von der Schicht
nach Hause gekommen und ich hab mir erst mal 2 Pullen getrunken
Gegessen, Füße hoch und das war's. Am nächsten Tag wieder usw.
Unterhalten haben wir uns überhaupt nicht , höchstens mal
gestritten und selbst das nicht richtig. Wenn was war habe ich mir
den Ärger runtergespült und bin pennen gegangen. Eigentlich ein
Wunder dass die Helga bei mir geblieben ist und dafür werde ich
mich bei ihr mit einem Strauß Blumen bedanken. Somit hatte der
Führerscheinentzug auch was Gutes! |
|
"Eigentlich finde ich Besoffene ekelig"
|
| Kloses
Urteil über Betrunkene ist
eindeutig: "Eigentlich finde
ich Besoffene Eklig". Einmal
im Monat kegelt er mit
Arbeitskollegen. Das dabei nicht
nur die Kugel rollt, sondern auch
viel die Kehlen runterrinnt,
versteht sich. Nur Klose bleibt
bei Wasser und Saft. "Wenn
ich die dann sprechen höre,
möchte ich am liebsten
wegrennen". Dennoch beleibt
er. Weil er sich schon seit 25
Jahren mit seinen Kollegen trifft.
Weil er diese Erinnerung nicht
aufgeben möchte. Und wenn dann am
späten Abend seine Freunde sich
betrunken ans Steuer setzen?
"sagen tu ich nix. Aber ich
denke mir meinen Teil".Das
Heinz-Günter Klose
Alkoholprobleme hatte, wollte er
sich früher nicht eingestehen.
"Ich konnte ohne Alkohol gut
zurechtkommen". Oft habe er
bis zu drei Wochen keinen Schluck
getrunken. "Aber wenn ich
dann angefangen hab, war ich um so
gieriger. Meistens ging es dann so
weit, bis ich meinen Kopf auf dem
Tisch hatte".
Der erste Besuch
beim Kurs der Nikolausburg fiel
ihm schwer. "Aber vom ersten
Augenblick an habe ich mich wohl
gefühlt. Wir hatten alle die
gleichen Probleme". Klose
dachte immer, er sei die Ausnahme.
Denn ein "klassischer
Trinker", der seinen Beruf
vernachlässigt und die Familie
ruiniert, war er beileibe nicht.
Im Gegenteil. Gerade weil er so
viel schuftete, trank er. Als
Belohnung für die harte Arbeit.Am
meisten beeindruckten Klose bei
dem Kursus die Lebensgeschichten
der anderen. "Ich habe mich
in jedem wiedererkannt".
Vorbei war es mit der Meinung, er
sei eine Ausnahme. "Wir haben
so offen über die Fragen
gesprochen, wie ich es noch nicht
mal mit meiner Frau gemacht
habe". Erleichternd sei es
gewesen. Und hilfreich.Gar nicht
verstehen kann Klose allerdings
die Behörden. Nachdem ihm der
Führerschein abgenommen wurde,
habe ihn keiner darauf
hingewiesen, dass er nach einem
Jahr zur MPU müsse. Ohne
Vorbereitung und Änderung der
Trinkgewohnheiten sei die aber gar
nicht zu bestehen. "Die Leute
gehen völlig blind in den
Test", sagt Volkenborn. Seine
Forderung: Die Betroffenen sollten
sofort nach dem
Führerscheinentzug informiert
werden, damit sie umgehend an
ihren Problemen arbeiten.
Andernfalls trinken sie ein Jahr
weiter wie gehabt.
Ohne Auto fühlte
sich Klose oft "asozial".
Dennoch kann er in der
zurückliegenden Zeit Positives
finden. "Es war eine Chance,
nachzudenken. Ich weiß nicht, was
sonst noch passiert wäre".
|
|